Auf den Spuren der Belle Epoque in Neuchâtel – die etwas andere Stadtbesichtigung

Nachdem uns das Lüften der Geheimnisse von Porrentruy so unglaublich viel Spass gemacht hat, liegt es nahe, dass wir uns Neuchâtel (Neuenburg) auf ähnliche Weise nähern. Bereits im Vorfeld hatten wir von der selbst geführten Stadtbesichtigung «Neuchâtel a la Belle Epoque» gehört. Zur Einstimmung auf das uns völlig unbekannte Neuchâtel geniessen wir jedoch erst einmal die Blicke vom Hafen auf die Stadt und über den Neuenburgersee auf das Alpenpanorama am Horizont.

Blick über ein Hafenbecken zum Hôtel des Postes von Neuchâtel
Blick über ein Hafenbecken zum Hôtel des Postes von Neuchâtel
Der Wind trägt die Wolken von den Alpen über den Neuenburgersee
Der Wind trägt die Wolken von den Alpen über den Neuenburgersee

Noch während ich verzückt die bemalten Hütten der Fischer betrachte und überlege, wozu diese heute genutzt werden, passiert es. Ein Vogel in luftiger Höhe landet einen vollen Treffer. Die nächste Viertelstunde brauche ich erst einmal, um Haare, Gesicht und Brille zu säubern. Immerhin entdecke ich auf der Suche nach einer Waschmöglichkeit schon einige Bilder, die uns auf die Stadtbesichtigung durch Neuchâtel zur Belle Epoque einstimmen.

Bemalte Fischerhütten am Hafen von Neuchâtel
Bemalte Fischerhütten am Hafen von Neuchâtel
Wer will kann hier am Hafen die ernsten Gesichter der Belle Epoque Protagonisten von Neuchâtel mit einem Lächeln ergänzen. Stadtbesichtigung von Neuchâtel a la Belle Epoque.
Wer will kann hier am Hafen die ernsten Gesichter der Belle Epoque Protagonisten von Neuchâtel mit einem Lächeln ergänzen.

Später lernen wir, dass der 1859 fertiggestellte Hafen nach der ersten Juragewässerkorrektur auf dem Trockenen stand, da sich der Wasserstand um mehrere Meter senkte. Auf dem Loch des einstigen Hafens entstand das Hôtel des Postes, zu dem wir uns nun begeben.  Das Gebäude ist unterhalb des Daches mit den Ländernamen verziert, die Gründungsmitglieder des Welt-Postvereins waren. Im Hôtel des Postes befindet sich auch heute noch die Hauptpost und die Tourist-Information, wo man eine Badge, ein Visionscope (Bildbetrachter) und die Broschüre für die selbst geführte Stadtbesichtigung «Neuchâtel a la Belle Epoque» in einem Beutel gegen einen kleinen Unkostenbeitrag bekommt.

Selbst geführte Stadtbesichtigung Neuchâtel á la Belle Epoque

Was ist die Belle Epoque?

Die rückwirkend als «schöne Epoche» bezeichnete Zeitspanne von ungefähr 30 Jahren bis zum 1. Weltkrieg 1914 war geprägt von Frieden und einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Vor allem das Bürgertum profitierte vom Fortschritt. Es ist die Zeit der Boulevards und Cafés, der Unterhaltung, von Cabarets und Konzerten. Die grüne Stunde wird prägend für eine ganze Epoche. Die Belle Epoque war eine Zeit der gesellschaftlichen Sorglosigkeit, in der Freizeit, finanzielle Mittel und der Ausbau der Verkehrsnetze das Reisen attraktiv machten. Es ist die Zeit der ersten öffentlichen Filmvorführung und die Zeit, in der die ersten Olympischen Spiele stattfanden. Die Zeit der Belle Epoque fand auch in der Mode, in der Kunst, der Literatur und Architektur ihren Niederschlag.

Statue Femme Bourgeoise am Quai Osterwald. Die Mode zur Belle Epoque zeichnet sich durch elegante Hüte und S-Kurven-Korsetts aus.
Statue Femme Bourgeoise am Quai Osterwald. Die Mode zur Belle Epoque zeichnet sich durch elegante Hüte und S-Kurven-Korsetts aus.

Technische Errungenschaften wie fliessend Wasser und elektrische Beleuchtung der Strassen hielten Einzug. Die Technik entwickelte sich weiter und scheinbar war plötzlich alles denkbar. Höhepunkt dieser Entwicklung ist wohl die spektakuläre Weltausstellung in Paris. Der Faszination Eiffelturm können wir uns bis heute nicht entziehen. Der Techniktraum endete bereits zwei Jahre vor dem Ende der Belle Epoque mit dem Untergang der Titanic 1912.

Neuchâtel erlebt einen unglaublichen Aufschwung und eine Explosion des Bevölkerungswachstums in jener Zeit, die man heute als Belle Epoque bezeichnet. Der Tourismus boomt. 1896 wird schweizweit ein Telefonnetz installiert.

Sehenswürdigkeiten im Rahmen der facettenreichen Stadtbesichtigung von Neuchâtel

1. Ufer-Promenade

Das schöne an einer selbst geführten Stadtbesichtigung ist, man kann selbst entscheiden in welcher Reihenfolge man was besichtigt. Und uns zieht es entgegen aller Pläne zuerst zurück zum Neuenburger See, auf dem man sogar zu einer Drei-Seen-Schifffahrt (Neuenburger, Bieler und Murtensee) aufbrechen könnte. Wir flanieren entlang des Quai Osterwald mit den beiden Belle Epoque Figuren und dem langen Steg übers Wasser. Weiter geht es zur Esplanade du Mont-Blanc mit ihrem roten Hashtag Neuchâtel, vor dem die Leute posieren.

Steg am Quai Osterwald - Stadtbesichtigung Neuchâtel zur Belle Epoque
Steg am Quai Osterwald
Von der Esplanade du Mont Blanc kann man nicht nur diverse Kunstwerke bewundern, sondern auch die Aussicht auf die Stiftskirche auf dem Schlossplatz. - Stadtbesichtigung Neuchâtel zur Belle Epoque
Von der Esplanade du Mont Blanc kann man nicht nur diverse Kunstwerke bewundern, sondern auch die Aussicht auf die Stiftskirche auf dem Schlossplatz.

2. Place Pury

Und schon führt uns unsere Stadtbesichtigung zum belebten Place Pury von Neuchâtel. Von diesem zentralen Platz fahren seit 1892 die wichtigsten Verkehrsmittel ab. Wie wenig sich geändert hat, sieht man, wenn man durch das Visioscope schaut und die alte Aufnahme mit der heutigen Realität vergleicht. Hier, an diesem Platz steht auch der Kiosk in Form einer typischen Belle Epoque Konstruktion. Mit der Badge erhält man Zugang zum Tramoscope. Dort wird in einem alten Strassenbahnwagen das Leben zur Belle Epoque in Neuchâtel lebendig.

Der rekonstruierte Kiosk im Belle Epoque Design - Stadtbesichtigung Neuchâtel zur Belle Epoque
Der rekonstruierte Kiosk im Belle Epoque Design

3. Zwischen Place des Halles und Croix du Marché

Als nächstes zieht es uns zum belebten Marktplatz, dem Place des Halles. Das schönste Gebäude am Platz, der Renaissancebau mit den Türmchen war einst Kornspeicher und Stoffmarkthalle. Heute beherbergt das Haus ein Restaurant.

Der belebte Place des Halles. - Stadtbesichtigung Neuchâtel zur Belle Epoque
Der belebte Place des Halles.

Auf dem Weg zum Marktkreuz werfen wir einen Blick auf die Passage des Corbets mit der monumentalen Renaissance Wendeltreppe. Leider ist der Aufgang verschlossen. Fast vis-á-vis befindet sich das Café Wodey-Suchard, wo wir einen Gutschein für ein Schokoladen-Probierpaket einlösen können. Dieses Geschäft kaufte Philippe Suchard 1825. Ein Jahr später errichtete er dann im Osten Neuchâtels seine Fabrik. Während der Belle Epoque wurde das Unternehmen zur bedeutendsten Schokoladenfabrik der Schweiz. Die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Milka-Schokolade ist übrigens eine Erfindung von Suchard. Das Kunstwort besteht aus Milch (Mil) und Kakao (ka). Leider vergeht die Zeit beim Flanieren und Fotografieren schneller, so dass wir nicht im Café verweilen können.

Die Wendeltreppe der Passage des Corbets. (Corbet ist ein gebogenes Rebmesser). Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Die Wendeltreppe der Passage des Corbets. (Corbet ist ein gebogenes Rebmesser).

Das nächste Highlight auf unserer Stadtbesichtigung von Neuchâtel ist das Croix-du-Marché (Marktkreuz) im Herzen der Altstadt. Neben dem Brunnen wurde einst der Neuenburger Markt abgehalten. Ganz ursprünglich befand sich der Brunnen ausserhalb der Stadtmauern und diente dazu, das Vieh zu tränken. Im Hintergrund sieht man bereits den Uhrturm, der sich am Fusse des Schlosshügels befindet.

Im Herzen der Altstadt - Croix du Marché. -  Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Im Herzen der Altstadt – Croix du Marché.

4. Der Schlosshügel

Über einige Treppen erreichen wir das Schloss, welches in seinen Ursprüngen auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Und wieder verhindert der Zeitdruck, dass wir einmal entlang der Aussenmauern spazieren. Da wir einige Zeit vor den Toren Neuchâtels in Valangin verbracht haben, müssen wir uns jetzt sputen. Schliesslich müssen wir vor Schliessung der Tourist-Information alle Sachen, die zur Stadtbesichtigung «Neuchâtel a la Belle Epoque» gehören, wieder abgeben. So begnügen wir uns mit einem Blick in den Innenhof. Wir gelangen durch das Westportal in den Innenhof und stellen fest, dass hier die Neuenburger Regierung residiert.

Tipp: Das Innere des Schlosses kann im Rahmen einer geführten Tour von Dienstag bis Sonntag besichtigt werden.

Das Westportal des Schlosses
Das Westportal des Schlosses

Bei der Recherche für diesen Beitrag lerne ich bei Swisscastles, dass 1707 der König von Preussen in den Besitz des Schlosses von Neuchâtel und des damals zum Fürstentum erhobenen Landes gelangte. Er behielt es bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts. Mit dem Sturz des Kaisertums 1918 erlosch jedoch sein Titel als Fürst von Neuenburg.

Im Innenhof des Schlosses - Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Im Innenhof des Schlosses
Eine geführte Besichtigung des Schlossinneren steht schon auf meiner Wunschliste für einen nächsten Besuch von Neuchâtel.
Eine geführte Besichtigung des Schlossinneren steht schon auf meiner Wunschliste für einen nächsten Besuch von Neuchâtel.

Ebenfalls auf dem Schlosshügel befindet sich die imposante Stiftskirche. Im Inneren der Kirche befindet sich ein Zenotaph aus dem Jahr 1372. Ein Zenotaph ist ein Denkmal zu Ehren eines oder mehrerer Toter.

Graf Louis de Neuchâtel liess seine Familie in Stein gemeisselt und bemalt im Hauptensemble darstellen. Rechts und links neben dem Monument stehen Conrad und Jean de Fribourg. Die weisse Figur stellt Graf Hochberg dar.
Graf Louis de Neuchâtel liess seine Familie in Stein gemeisselt und bemalt im Hauptensemble darstellen. Rechts und links neben dem Monument stehen Conrad und Jean de Fribourg. Die weisse Figur stellt Graf Hochberg dar.

5. Absinth aus dem Blumenkasten

Vom Schlosshügel geniesst man auch einen schönen Blick über die Dächer der Stadt. Wir jedoch verweilen nicht länger auf dem Schlosshügel und begeben uns auf der Rue du Château zurück in die Stadt. Dort erwartet uns noch unsere erste Begegnung mit dem Absinth, auch als grüne Fee bekannt.

In einem Blumenkasten bei einem Brunnen, versteckt sich ein Probierschluck. Allerdings haben wir wohl den Sirup statt des alkoholischen Getränks erwischt. Das wird uns jedoch erst klar als wir in Môtiers im Maison de l’absinthe am Ende des Museumsbesuchs stilecht verschiedene Destillate degustieren. Jeder Destillateur hat nämlich sein eigenes Rezept. Die Grundzutat besteht aus fünf Pflanzen (kleiner und grosser Wermut, Melisse, Pfefferminze und Ysop). Teilweise kommen aber bis zu 20 verschiedene Pflanzen in den Rezepten vor. Darunter auch Anis, Fenchel oder Koriander. Obwohl ich in Môtiers extra Absinth mit möglichst wenig Anisgeschmack probiere, ist die Anisnote immer dabei. Insofern werde ich mit diesem Getränk, welches im Val de Travers seinen Ursprung hat, nicht wirklich warm.

Auch wenn der Absinth vor der Belle Epoque erfunden wurde und er bereits in den 1850er Jahren französischen Truppen zur Malariaprophylaxe verabreicht wurde, so wurde doch die Celebrierung der «grünen Stunde» zum Sinnbild der Belle Epoque. Hemingway verewigt den Absinth in seinen Büchern genauso wie Picasso dem Absinth 1914 ein Denkmal in den 6 Skulpturen mit dem Titel «ein Glas Absinth» setzt. Ab 1880 setzt die Massenproduktion des Absinth ein. Damit sinkt der Preis und er wird für alle Klassen erschwinglich.

Der Absinth wird zur Konkurrenz für die Weinindustrie, die eine Kampagne zur Kriminalisierung des Absinth startet. Das ursprünglich als Medizin gebraute Getränk wird in ein Licht von Drogenkonsum und Begünstigung von Gewaltverbrechen gestellt. Ab 1912 beginnt die Verbotswelle in den USA, die in den Folgejahren nach Europa schwappt.

6. Rue du Neubourg und Umgebung

Es liegt nicht am Absinth, aber nach der Sirup-Verkostung wird es bunt. Wir begeben uns zur Rue du Neubourg und landen in einem alternativen Viertel, der selbsternannten Gemeinde von Le Neubourg.

Ohne Worte
Ohne Worte

Am Ende der Rue du Neubourg findet ihr die Rue des Chavannes, welche alle zwei Jahre neu bemalt wird und ein beliebtes Motiv auf Instagram ist. Früher säumten Hütten die Strasse, weshalb sie zu diesem Namen kam.

Von unten nach oben fotografiert, sähe die Rue des Chavannes interessanter aus, aber irgendwie laufen immer Leute ins Bild. Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Von unten nach oben fotografiert, sähe die Rue des Chavannes interessanter aus, aber irgendwie laufen immer Leute ins Bild.

In den Strassen des Viertels gibt es viel zu entdecken. Wir laufen kreuz und quer.

Nach oben zu schauen, lohnt sich auch, ob kunstvolle Beleuchtung oder dieses Kunstwerk. - Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Nach oben zu schauen, lohnt sich auch, ob kunstvolle Beleuchtung oder dieses Kunstwerk.

Ein Wandbild erinnert an die in St. Blaise von 1903 bis 1934 hergestellten Fahrzeuge der Marke Martini. Das erste Neuenburger Automobil war ein Martini. Es wurde als Taxi zwischen dem Bahnhof und dem Grand Hotel von Chaumont für die reichen Gäste eingesetzt.

Es ist übrigens kein Fehler im Bild, die Autos wurden ohne Rückspiegel gebaut. Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Es ist übrigens kein Fehler im Bild, die Autos wurden ohne Rückspiegel gebaut.

Die Rue du Neubourg ist beidseits mit Bildern illustriert. Links (bergab) sieht man Bilder, die vom berühmten, in Neuenburg lebenden kanadischen Illustrator John Howe inspiriert sind. John Howe war einer der beiden Chef-Konzeptdesigner für die Herr der Ringe Trilogie. Rechts schauen einen die Porträts von Schriftstellern, die in der Kantonshauptstadt gelebt haben an: Rousseau, Balzac, Dumas. Hergestellt haben die Wandbilder die beiden Künstler Kesh und Wilo.

Rue du Neubourg - Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Rue du Neubourg
Alexandre Dumas - Autor der Drei Musketiere und des Grafen von Monte Christo
Alexandre Dumas – Autor der Drei Musketiere und des Grafen von Monte Christo

Damit endet unsere Stadtbesichtigung «Neuchâtel a la Belle Epoque» leider schon. Wir haben einiges verpasst, wie die rote Kirche und die Spiele der Belle Epoque im Englischen Garten. Thematisch zwar nicht passend, aber sicher auch interessant wäre ein Besuch des Dürrenmatt Centers in Neuchâtel. Keine Frage, der erste Eindruck von Neuchâtel macht Lust auf mehr. Die selbst geführte Stadtbesichtigung «Neuchâtel al la Belle Epoque» können wir nur empfehlen. Uns hat sie unglaublich viel Spass gemacht.

Neuchâtel bietet sogar ein rotes Ampelmännchen, welches wohl am Absinth genascht hat. Gelb und Grün stehen aufrecht. Stadtbesichtigung Neuchâtel à la Belle Epoque
Neuchâtel bietet sogar ein rotes Ampelmännchen, welches wohl am Absinth genascht hat. Gelb und Grün stehen aufrecht.

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