Ein Blick in die versunkene Welt des Verzascatals

Winterschlaf im Verzascatal, davon ist im noch jungen Jahr 2022 nichts zu spüren. Die Besucher drängen sich, wie sonst im Mai. Und das hat einen Grund: Die wegen ihrer berühmten Verzasca Staumauer bekannte Talsperre wurde erstmals seit ihrer Erbauung vollständig geleert. Durch das Ablassen des künstlich aufgestauten Lago di Vogorno kannst du einen Blick auf Atlantis werfen. Okay, der im Lago di Vogorno überschwemmte Ortsteil Pioda ist sicher nicht so geheimnisvoll und paradiesisch wie Atlantis, aber dennoch ist dieses zum Vorscheinkommen einer versunkenen Welt faszinierend. Man würde meinen, das Wasser zerstöre die Überbleibsel der Zivilisation, aber das ist ein Irrtum. Das Verzascatal im Winter beim Wandern zu erleben ist ebenfalls eine Erfahrung, die wir wiederholen werden. Wir laden dich ein, uns auf diesem Ausflug im Winter in die Tiefen der Talsperre und beim Wandern im Verzascatal zu begleiten.

Der abgelassene Stausee gibt den Blick auf einen tiefen Canyon frei, den die Verzasca auf ihrem Weg zum Lago Maggiore gegraben hat. Man sieht noch stellenweise den Verlauf der alten Kantonsstrasse durch das Verzascatal.
Wer hätte gedacht, dass die Verzasca eine solche Canyonlandschaft geschaffen hat.

Die Faszination des Verzasca Staudamms

Die Staumauer des künstlich angestauten Lago di Vogorno ist das Tor zum Verzascatal. Sie ist immerhin die vierthöchste Staumauer der Schweiz und wirkt besonders mächtig, wenn man darauf zu fährt.

Ein Teil der Stauermauer und einer Art Tower, von dem aus Stromleitungen wegführen ist zu sehen. Dahinter sieht man das Dorf Mergoscia auf der linken Seite und Berge auf der rechten. Die Staumauer bildet den Eingang ins Verzascatal.
Folgt man den Kehren der Strasse zum 25 km langen Verzascatal, so wirkt die Staumauer wie eine mächtige Befestigungsanlage.

Durch den James Bond Film «GoldenEye» ist der 220 m hohe Verzasca Staudamm weltberühmt geworden. 007, der berühmte Topagent, schiesst in dieser Szene einen Anker auf ein Gebäudedach und fliegt dann an dessen Seil 200 m in die Tiefe, um in ein Labor für Giftgas einzusteigen.

Von Ostern bis Oktober können Adrenalin-Junkies diesen Bungee-Jumping-Sprung mit 7,5 Sekunden freiem Fall in die Tiefe erleben. Die stationäre Anlage befindet sich in der Mitte der 380 m langen Staumauer und ist die höchste der Welt.

Das Werbeschild für den Sprung verweist auf weitere Filme wie Fire, Ice & Dynamit, The Amazing Race ..., die hier gedreht wurden.
So sieht die Werbung für den Sprung in die Tiefe im Sommer aus.

Da wir uns der Faszination des grünen Wassers der Verzasca nicht entziehen können, sind wir immer mal wieder im Verzascatal unterwegs. Und jedes Mal spazieren wir auch über den Staudamm.

Ein mutiger Mensch befindet sich noch im freien Fall mit all den Sicherungsseilen am Verzasca Staudamm.
Die Vorstellung an diesem Seil am Ende des Sprungs hoch und runter zu schwingen bis man wieder hochgezogen wird, ist für uns entsetzlich.

Eine Wanderung auf der anderen Seite des Verzasca Staudamms in Richtung Mergoscia und Corippo steht genauso noch auf unserer Liste, wie der Besuch des kleinen Staudamm Museums.

Steht man jetzt auf der Krone des Verzasca Staudamms, schaut man statt auf den unergründlichen Spiegel einer Wasserfläche auf eine trockene Einöde. Der Staudamm muss saniert werden. So begann man im Dezember 2021 das Wasser abzulassen. Dabei wurden fast 15.000 Kubikmeter Sedimente in den Lago Maggiore gespült, ohne dass sich der Wasserstand verändert hätte.

Von der Krone des Verzasca Staudamms wirkt der Blick in den wasserlosen Lago di Vogorno wie der Blick in eine leere Badewanne. Nur sind die Seiten etwas schräger. Die helle Farbe des Gesteins bildet eine Zäsur in der restlichen Landschaft. Oberhalb des "Wannenrands" sind Mergoscia, laubloser Wald und markante Felsen zu sehen. - Verzascatal
Der Blick von oben gibt jedoch nur einen ersten Eindruck.
Der Lago di Vogorno mit Wasser vom Verzasca Staudamm im Sommer mit grün bewaldeten Hängen gesehen.
Welch Unterschiede von Sommer zu Winter, Wasser und ohne Wasser

Hinweis: Wenn die Sanierungsarbeiten planmässig verlaufen, soll sich der Verzasca Staudamm mit der Schneeschmelze langsam bis zum Sommer wieder füllen.

Von Schätzen, Matsch und Muskelkater – Abstieg in den Stausee

Zwischen erstem und zweiten Strassentunnel nach dem Stausee gibt es Parkplätze am Strassenrand und einige mehr oder weniger halsbrecherische Wege nach unten. Durch den Wald geht es einigermassen einfach, durch die Geröllhalde steigt die Schwierigkeit von Weg zu Weg. Wir haben jedenfalls Muskeln gebraucht, die im Alltag sonst weniger gefordert werden, was uns am nächsten Tag einen entsetzlichen Muskelkater beschert hat.

Laublose Bäume geben den Blick auf ein Stück Leitplanke frei. Von diesem Niveau erfolgt der Abstieg durch den Wald und die Geröllhalde in die Talsperre. Am linken Bildrand sieht man ein Stück des Weges, den wir heruntergekommen sind. - Verzascatal
Hier sind wir abgestiegen. Aus dieser Perspektive sieht der Weg kurz und einfach aus.

Von oben nach unten ist es schwieriger als umgekehrt. Unten haben nämlich nette Zeitgenossen mit Steinmännchen einen halbwegs einfachen Weg markiert. Dieser Weg geht vor dem zweiten Tunnel ab. Zur Zeit steht dort ein gelber Container. Schwindelfrei solltest du aber auch für diesen Weg sein, denn er führt recht nah an einer Seitenschlucht vorbei.

Einmal auf dem Niveau der alten Kantonsstrasse angekommen, ist nur noch der Matsch ein Problem, der aber jeden Tag weiter trocknet. Stell dir vor, du läufst auf Schmierseife und du hast eine Vorstellung davon, was dich erwartet. Trotz der Schwierigkeiten trifft man auf ganz unterschiedliche Menschen im Stausee. Da wären zum einen die Schatzsucher. Natürlich suchen sie nicht nach richtigen Schätzen, denn bevor alles geflutet wurde, wurden die Häuser abgerissen und der Wald gerodet. Nein, unterwegs sind die Geocaching Schatzsucher, die mittels GPS und versteckten Hinweisen einen zuvor versteckten Schatz suchen. In der Talsperre verstecken sich zwei Schätze, haben wir uns sagen lassen.

Die Perspektive täuscht und lässt die 220 m hohen Staudamm der Verzasca ohne Grössenvergleich gar nicht so hoch erscheinen. Auf dem Bild ist aber ein winziges Menschlein versteckt. Erst in Bezug auf ihn kann man die Höhe erkennen.
Wenn du den kleinen Menschen auf dem Bild findest, bekommst du ein Gefühl für die Höhe der Staumauer.

Zum anderen findet man die Drohnen-Flieger in der Talsperre. Mit der Drohne bekommt man natürlich nachträglich einen Einblick in die ganz tiefen Schluchten. Allerdings musst du dir eine Genehmigung zum Fliegen über die Flug-App einholen. Wir haben auch Drohnen-Flieger mit VR-Brille getroffen, die eher Rennen geflogen sind, aber wo trifft man schon einmal auf ein postapokalyptisches Ödland – Mad Max lässt grüssen.

Zwei Drittel des Bildes bestehen aus dem Canyon des sonst überfluteten Verzascatals und Geröll. Die tiefe Schluchten, die rechts und links in den Canyon münden, sieht man nicht, aber mit den abgestorbenen Bäumen kommt es Ödland schon sehr nahe, wenn man das Dorf, welches sich eine Bergflanke im Hintergrund hochzieht, ausser Betracht lässt.
Hier münden von rechts und links zwei Schluchten in den Canyon, da hat man einen schönen Spielplatz für schnelle Drohnen.

Selbst sportliche alte Damen haben wir auf dem Weg nach oben getroffen. Jörg, der ja nicht ganz schwindelfrei ist und an manchen Stellen etwas Mühe hatte, musste sich ganz schön zusammenreissen, um nicht von ihnen überholt zu werden.

Zeugen der Vergangenheit

Zuerst gehen wir in Richtung Staumauer. Von dieser Seite wirkt sie ohne den Grössenvergleich gar nicht so mächtig. Die Ponte dei Salti, Schwester ihrer berühmten Namensvertreterin in Lavertezzo, steht da als wäre nie etwas gewesen, wenn man davon absieht, dass das Wasser teilweise über sie fliesst und sich viel Matsch abgelagert hat.

Stein auf Stein steht diese alte Brücke in unmittelbarer Nähe des Verzasca Staudamms noch und überspannten den Einschnitt eines Flusses, der momentan ein Bach ist. Über die Strassenbefestigung vor der Brücke ergiesst sich jedoch Wasser.
Die Brücke sieht aus, als wäre gestern erst ein Auto darüber gefahren.

Einzelne Bäume stehen noch da, als warteten sie aus ihrer Wintererstarrung aufzuwachen. Bei den Wurzeln, die noch in der Landschaft stehen, haben sich interessante Muster im Holz gebildet.

In diesem Baumstumpf kann man den Kopf eines Elefanten mit Auge und Rüssel erkennen. Ohne Borke hat sich eine Art Elefantenhaut auf dem Stumpf gebildet.
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ein Elefant.

Anschliessend folgen wir dem Weg weiter in Richtung Vogorno. Hier siehst du noch diverse Stützmauern und weitere Brücken. Auf der anderen Seite der Schlucht kommen die Weinterrassen zum Vorschein, auf denen einstmals die Sorte UVA Americana wuchs. Diese frühreife und ertragreiche Rebsorte zeichnet sich durch tiefrote, kleine Beeren aus. Da sie resistent gegen die rote Reblaus ist, wurde sie früher viel im Tessin angebaut.

Die alten Weinterrassen sind noch gut zu erkennen, - Verzascatal
Die Steilheit der Weinterrassen verrät wie schwer die Arbeit war.
Das Dorf Mergoscia wächst den Berg empor. Unterhalb gibt es die abrupte Grenze dort, wo sonst das Wasser steht. Nach einem steilen Stück sieht man wieder die gemauerten Terrassen nach unten. Verzascatal.
Auch hier sieht man wieder die Terrassenanlagen unterhalb des Dorfes.

Im weiteren Verlauf wird die alte Kantonsstrasse schlechter. Felsstürze und der unmittelbare Abgrund machen es schwieriger, weiter zu kommen. Da wir ja auch irgendwann wieder zurück müssen, kehren wir um. Manche Leute wandern aber den Weg im Verzascatal bis Vogorno, wo es ebenfalls einen Einstieg/Ausstieg geben soll.

Sehr schön sieht man die gemauerte Strassenbefestigung der alten Kantonsstrasse durch das Verzascatal und einen Felssturz, der sie verschüttet hat.
Felssturz, der die Strasse verschüttet hat.

Winter im Verzascatal

Die Ponte dei Salti in Lavertezzo

Das Verzascatal ist zu schön, um gleich wieder umzukehren. Ist doch die Winterstimmung eine ganz andere als im Sommer. Die schöne alte Ponte dei Salti in Lavertezzo ist dieser Tage ebenfalls gut besucht. Jedoch badet um diese Jahreszeit niemand, wenn man von zwei Tauchern absieht. Deshalb fahren wir am nächsten Morgen noch einmal früher hin. Allerdings haben wir nicht berücksichtigt, dass die Sonne vom Aufgang, bis sie den Talboden erreicht, ziemlich lange braucht. Insofern frühstücken wir dann doch erst noch im Hotel und versuchen es gegen 9.00 Uhr noch einmal. So haben wir die Brücke für eine Viertelstunde für uns allein.

Auch die Wasseramsel findet die Ruhe angenehm und kommt mehrmals zum Frühstücken an die Verzasca.

Ein kreatives Bild mit Felsen und Wasseramsel und dem unglaublichen Grün der Verzasca. Verzascatal
Das Warten auf die Sonne lässt Zeit für unübliche Bilder der Verzasca.
Perfekt getarnt sitzt die Wasseramsel in der Mitte auf dem Stein.
Dies ist der Lieblingsstein der Wasseramsel, von dem sie sich ins Wasser begibt. Die Tarnung ist perfekt.
Die aus der Römerzeit stammende Ponte dei Salti mit Spiegelung im glasklaren Wasser der Versazca bei niedrigem Wasserstand. - Verzascatal
Endlich hat das Licht den Talboden erreicht und die Verzasca hat ihren grünen Farbschimmer wieder.

Der Moment, in dem sich die Brücke im Wasser spiegelt und keine anderen Leute auf der Brücke sind, ist kurz. Einzig störend wirkt das blaue Schild, welches über die Gefahren der Verzasca in vier Sprachen aufklärt.

Die Verzasca auf der anderen Seite der Brücke. Grün schimmert das Wasser, während in den Felsen noch Eisflächen liegen.
So schön grün schimmert die Verzasca nur bei Sonnenschein.

Lavertezzo selbst strahlt in der untergehenden Sonne schöner als jetzt in der Morgensonne.

Wandern entlang des Verzascatals

Solltest du das Verzascatal in den Wintermonaten bei schönem Wetter besuchen, legen wir dir eine Wanderung ans Herz. Eigentlich hatten wir vor, noch den Legendenweg bei Gerra zu laufen, aber diese Talseite lag schon im Schatten. So haben wir lieber die Verzasca auf einer Hängebrücke überquert und sind auf der anderen Seite vorbei an der Cascada Val di Mätt in der Sonne in Richtung Brione gewandert.

In einem Taleinschnitt auf der anderen Seite der Verzasca fällt ein Wasserfall herunter. Allerdings muss man jetzt genau hinsehen, wenn man das Wasser überhaupt erkennen will. Wandern im Verzascatal
Vom Parkplatz auf der anderen Seite kann man den Wasserfall kaum erkennen.

Dieser Wasserfall muss zu anderen Zeiten deutlich spektakulärer sein als jetzt, wo Wasser im Tessin Mangelware ist. Auch verschwindet jetzt die Sonne schnell im Verzascatal. Eben noch ist die ganze Talseite in strahlendes Licht getaucht und 15 Minuten später sind nur noch die Gipfel im Licht der untergehenden Sonne angestrahlt.

Der steinige Weg führt durch einen Haselnuss-Wald, der schnell im Schatten versinkt. - Wandern im Verzascatal
Der Weg ist nichts für Allergiker mit all den Haselnuss-Büschen.

Ohne Allergie ist der Weg jedoch wunderschön. Die Dunkelheit schreitet schnell voran. Die dramatischen Lichtunterschiede machen das Fotografieren schwierig.

Und ganz eigentlich macht sich ein kleiner Hunger breit. Da der Fluss wenig später trocken vor uns liegt, warten wir nicht darauf, dass eine Brücke kommt, sondern kürzen ab und wandern erst auf der anderen Seite des Verzascatals und dann an der Strasse entlang zurück zu unserem Auto.

Typische Rusticos, wie die Tessiner Steinhäuser auch genannt werden, stehen an der Strasse im Schatten, während die Bergspitzen im golden Licht der untergehenden Sonne erstrahlen. Beim Wandern im Verzascatal triffst du immer wieder auf solche Häuser.
Auf dem Rückweg begegnet uns ein Mix aus ganz alten und ganz modernen Häusern. In anderen Tälern und Ortschaften versucht man den Charakter der Orte zu erhalten.

In Erinnerung an das gute Essen im Grotto von Sonogno machen wir uns anschliessend auf den Weg zum Ende des Verzascatals, aber jetzt im Winter ohne die Blumen und in der beginnenden Dunkelheit wirkt Sonogno trostlos. Das Grotto öffnet erst ab 1. Mai seine Tore. So probieren wir unser Glück im Ristorante Froda in Gerra. Da draussen auf der Karte nur Pizzen stehen, begeben wir uns ohne grosse Erwartungen ins Innere und werden überrascht. Die Tagesgerichte der Tessiner Küche sind ein Gedicht. Schliesslich entscheiden wir uns für Schmorbraten mit Polenta und Tagliatelle mit Wildschwein. Das Restaurant können wir nur empfehlen.

So gesättigt fahren wir das kurze Stück zu unserem schön restaurierten Hotel Ai Piee in Brione zurück, wo im Restaurant eine Faschingsparty steigt.

Hinweis: Du interessierst dich für weitere Ausflugsideen im Tessin, dann lege ich dir einen Besuch des Bavonatals ans Herz. Wir jedenfalls waren dort nicht zum letzten Mal. Das Bavonatal zweigt vom Maggiatal ab. Folgst du der Maggia weiter ins Lavizzaratal empfehle ich dir einen Besuch der modernen Kirche in Mogno.

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