Dolce Vita und Geschichte in Poschiavo

Ein überraschend entspanntes mediterranes Lebensgefühl erwartet uns in Poschiavo, nachdem wir vom Gletschergarten in Cavaglia wieder im Tal gelandet sind. Wir flanieren über die Piazza und geniessen einen grossen Eisbecher, bevor wir auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit eintauchen. Häuser der Zuckerbäcker, eines der ältesten Bauernhäuser im Alpenraum (Casa Tomé) oder die informative Ausstellung im Palazzo de Bassus-Mengotti – Poschiavo’s Geschichte ist eine Geschichte von Armut, Auswanderung und Reichtum.

Die Piazza von Poschiavo.
Die Piazza von Poschiavo.

Auf dem Weg zum südlichen Rand von Poschiavo

Von der Piazza aus folgen wir kreuz und quer Gassen, die unser Interesse wecken. So fällt uns der markante romanische Kirchturm der Kirche San Vittore Mauro gleich im Zentrum von Poschiavo ins Auge.

Romanischer Kirchturm der Kirche San Vittore Mauro - Poschiavo
Romanischer Kirchturm und Kirche San Vittore Mauro

Bei der Suche nach dem Eingang in die Kirche kommen wir zuvor am Sant’Anna Beinhaus vorbei. Hier werden die Gebeine aufgehoben, die man bei der Renovierung der Kirche unter dem Fussboden fand. Allerdings ist das Beinhaus geschlossen.

Oratrorium Sant'Anna Beinhaus
Oratrorium Sant’Anna Beinhaus

Ebenfalls in orange gehalten ist das alte Augustinerinnen Kloster mit dem aufgesetzten Turm auf der Kapelle. Heute scheint ein Altersheim im Kloster untergebracht zu sein.

Blick zurück auf das Augustinerinnen Kloster - Poschiavo
Blick zurück auf das Augustinerinnen Kloster – Poschiavo

Bevor wir die Strasse der Palazzi erreichen, kommen wir an typischen Engadiner Häusern genauso wie an Villen mit grossen Gärten vorbei.

Schön renoviertes Engadiner Haus in Poschiavo
Schön renoviertes Engadiner Haus in Poschiavo
Diese Villa in Poschiavo wird privat bewohnt
Diese Villa in Poschiavo wird privat bewohnt

Die Häuser der Zuckerbäcker von Poschiavo

Auswanderung gehörte zum Leben im Puschlav. Die mangelnden wirtschaftlichen Resourcen lassen folglich die Bewohner ihr Glück anderweitig suchen. Hier spricht man auch vom «Hunger der Berge». Ob nun als Kaufleute, Handwerker oder Söldner, vor allem im 19. Jahrhundert mussten viele Puschlaver wie auch andere Graubündener auswandern.

Einige der erfolgreichen Auswanderer waren ausgebildete Zuckerbäcker (Konditoren). Oder sie hatten sich auf das Geschäft mit Kaffee und Spirituosen spezialisiert. Sie eröffneten in zahlreichen europäischen Ländern, aber auch in Australien, Nord- und Südamerika «Schweizer» Cafés. Erst der erste Weltkrieg, die Russische Revolution und der Spanische Bürgerkrieg setzten dieser Bewegung ein Ende.

Die Via dei Palazzi in Poschiavo mit ihren sogenannten Zuckerbäckerhäusern - Poschiavo
Die Via dei Palazzi in Poschiavo mit ihren sogenannten Zuckerbäckerhäusern.

Manche dieser Puschlaver brachten es schliesslich im Ausland zu beträchtlichem Wohlstand. Sie stellten ihren Reichtum zu Hause zur Schau, indem sie am südlichen Dorfrand von Poschiavo prächtige Villen erstellen liessen. Man nennt sie die Häuser der Zuckerbäcker.

Die Stuckverzierung der Häuser erinnert an die Tätigkeit ihrer Bewohner als Zuckerbäcker - Poschiavo
Die Stuckverzierung der Häuser erinnert an die Tätigkeit ihrer Bewohner als Zuckerbäcker

Die Via dei Palazzi ist eine etwa 120 Meter lange Reihe von Häusern im neoklassizistischen Stil. Die Villen sind alle nach Süden ausgerichtet. Auf der anderen Seite der schmalen Strasse haben sie ihre Gärten und Pavillons.

Manche der Gärten sind bis heute liebevoll bewirtschaftet. - Gärten zu den Häusern der Zuckerbäcker in Poschiavo
Manche der Gärten sind bis heute liebevoll bewirtschaftet

Das einheitliche Bild dieses heute unter Denkmalschutz stehenden Ensembles ist dabei dem damaligen Gemeindepräsidenten von Poschiavo – Tomaso Lardelli – zu verdanken. Er plante die ersten Häuser im Auftrag von ausgewanderten Verwandten mit dem venezianischen Architekten Giovanni Sottovia. In der Folge wurden die Häuser ab 1856 realisiert.

Casa Tomé – ein Bauernhaus mit über 600 Jahren Geschichte

Das Gegenteil einer Villa ist die Casa Tomé. Es ist eines der besterhaltensten Bauernhäuser im Alpenraum. Der älteste Teil des Hauses wurde während des Mittelalters erbaut. Er wird auf das Jahr 1357 datiert. Seit der Erbauung des Hauses hat es diverse Anbauten gegeben. Diese folgten der wirtschaftlichen Entwicklung des Tals und den Bedürfnissen der Bewohner.

Die Casa Tomé von aussen. Hinter dem Bogenfenster befindet sich die Küche - Poschiavo
Die Casa Tomé von aussen. Hinter dem Bogenfenster befindet sich die Küche

Für uns unvorstellbar sind allerdings die Lebensumstände der Schwestern, die in diesem Haus bis 1990 lebten. Wer das Haus heute besucht, findet es so vor, wie sie es vorher verlassen haben.

Rundgang durch die Casa Tomé

Der gedeckte Innenhof, den man durch den grossen Torbogen der Casa Tomé erreicht. - Poschiavo
Der gedeckte Innenhof, den man durch den grossen Torbogen der Casa Tomé erreicht.

Durch den Torbogen gelangt man zuerst in den gedeckten Innenhof. Von dort geht es auf einer Treppe zu den Wohnräumen nach oben. Die Tiere gehen durch den Innenhof in den Stall. Ebenso erreicht man Garten, Scheune und Werkstatt über den Innenhof. Dies scheint charakteristisch für Bauernhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts in dieser Gegend zu sein.

Die alte Küche mit der offenen Feuerstelle in der Casa Tomé, Poschiavo
Die alte Küche mit der offenen Feuerstelle in der Casa Tomé,

In der Casa Tomé gibt es heute zwei Küchen, da zwischen 1750 und 1850 zwei Familien das Haus bewohnten. Ursprünglich nahm die Küche mit der offenen Feuerstelle das gesamte erste Stockwerk des mittelalterlichen Hauses ein. Die zweite Küche ist inzwischen etwas moderner. Dort stehen nebeneinander: ein noch anzufeuernder, ein elektrischer Kochherd von circa 1920 und ein etwas neuerer, aber dennoch musealer Kochherd. Strom und fliessend kaltes Wasser sind der einzige Luxus im Haus.

Diese Brote wurden mehrmals im Jahr gebacken und getrocknet - Casa Tomé, Poschiavo
Diese Brote wurden mehrmals im Jahr gebacken und getrocknet

In der Vorratskammer steht der Brotofen. Weshalb hier die Brote trocken und mäusesicher von der Decke hängen. Diese mit Anis gewürzten Ringbrote werden in Poschiavo bis heute gebacken. Die Bewohner waren Selbstversorger. Sie bestellten einige Felder ausserhalb des Dorfes mit Kartoffeln, Roggen und Gerste.

Auf den Brotbrettern lässt man die geformten Ringbrote noch einmal gehen, bevor sie in den Brotofen kommen. Casa Tomé, Poschiavo
Auf den Brotbrettern lässt man die geformten Ringbrote noch einmal gehen, bevor sie in den Brotofen kommen.

Die beiden Stuben im Haus wurden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts getäfert und mit einem Ofen ausgestattet. Später wurden dann noch elektrische Leitungen verlegt. Sie dienten als Wohn- und Schlafzimmer.

Wohnstube in der Casa Tomé, Poschiavo
Wohnstube in der Casa Tomé

Das Haus wirkt bedrückend auf uns. Insofern sind wir froh, als wir wieder im warmen Sonnenlicht stehen. Es ist fast so, als ob man die Mühsal seiner Bewohner noch aus jeder Ritze heraus spüren kann.

Geschichte im Palazzo de Bassus-Mengotti

Der Palazzo wird im Jahr 1655 von Hauptmann Tommaso de Bassis in Auftrag gegeben. Es steht auf dem rechten Flussufer und nimmt somit eine Sonderstellung zum Dorf ein. Tommaso de Bassis war ein wichtiger Politiker. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen jedoch seinen Sohn, das Haus zu verkaufen. Dadurch gelangte es in den Besitz der Familie Mengotti. Diese baute das Haus mehrfach um und erweiterte es.

Geschickte Heiratspolitik führte zur Vermehrung des Reichtums. Im Museum hängen die Portraits und Stammbäume der Besitzer des Hauses.

Der Palazzo de Bassus-Mengotti, Poschiavo
Der Palazzo de Bassus-Mengotti, Poschiavo

Heute gehört der Palazzo zum Talmuseum in Poschiavo genauso wie die Casa Tomé.

Ausstellungen im Palazzo de Bassus-Mengotti

Im Moment ist eine temporäre Ausstellung der Hexenverfolgung gewidmet. Das Puschlav war eine kleine, sich selbstverwaltende Republik mit eigener Gerichtsbarkeit. Erste Hinweise auf den Tatbestand der Hexerei gibt es bereits Mitte des 16. Jahrhunderts. Erst hundert Jahre später wird der Tatbestand der Hexerei in den lokalen Gesetzen verankert. Folterung zur Erzwingung von Geständnissen war die Regel. Mindestens 130 Menschen wurden wegen Hexerei verurteilt.

Ein weiterer sehr interessanter Schwerpunkt ist das Thema Auswanderung.

Mit Bildern und Texten und wird das Thema Auswanderung im Palazzo de Bassus-Mengotti lebendig.
Mit Bildern und Texten und wird das Thema Auswanderung im Palazzo de Bassus-Mengotti lebendig.

Neben den Ausstellungen ist natürlich auch das Innere des Hauses mit eigener geweihter Kapelle interessant, zu besichtigen.

Weiterhin haben hier etruskische Keramik und Ritualgegenstände aus Indien eine Heimat gefunden. Überdies wird auch die Geschichte von M 13 erzählt. Ausgestopft soll er jetzt Touristen anziehen.

M 13 wurde als Problembär 2013 in der Schweiz geschossen, nachdem er sich zu oft zu nah an Siedlungen aufhielt. Palazzo de Bassus-Mengotti
M 13 ging als Problembär 2013 in die Geschichte der Schweiz ein. Man schoss ihn, nachdem er sich zu oft zu nah an Siedlungen aufgehalten hatte.

Alles in allem ist das Museum sehr vielfältig.

Gut zu wissen

Da zum Puschlaver Talmuseum sowohl der Palazzo de Bassus-Mengotti als auch die Casa Tomé gehören, können beide Häuser mit einem Eintritt besucht werden. Allerdings sind die Museen nur saisonal geöffnet. Die geltenden Öffnungszeiten und Informationen über Führungen könnt ihr auf der Website nachlesen.

Tipp: Neben dem Palazzo de Bassus-Mengotti befindet sich eine Bäckerei, in der man sehr leckere Puschlaver Spezialitäten kaufen kann.

Wenn ihr einen Besuch in Poschiavo plant und dieser auf einen Mittwoch fällt, ist sicher auch die geführte Besichtigung der Mühle Aino mit Sägerei und Schmiede eine gute Idee.

Wir beenden den Tag, indem wir noch nach Miralago ans andere Ende des Lago di Poschiavo fahren und den Blick über den See geniessen. Das kleine Dorf besteht aus einem Bahnhof und ein paar Häusern am See. Parken kann man ausserhalb. Wer einen Blick nach oben wirft, sieht die Kirche San Romerio, zu der man auch wandern könnte.

Der Lago di Poschiavo von Miralago aus gesehen.
Der Lago di Poschiavo von Miralago aus gesehen.
Auf 1.800 m Höhe drohnt die Kriche San Romerio über dem Abgrund.
Auf 1.800 m Höhe thront die Kirche San Romerio über dem Abgrund.

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